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Buchbesprechungen

"Menschwerden im Maschinenpark"

Die Drei 8-9 2002

Beginn eines neuen Epochenabschnitts

Roland Benedikter (Hg.): Italienische Technikphilosophie für das 21. Jahrhundert. Verlag frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002. 156 Seiten, 28 EUR.

Ist »unsere Art des menschlichen Daseins nicht veraltet für das Zeitalter der Technik«? Mit dieser radikalen Frage beginnt der erste Beitrag von Umberto Galimberti, in welchem er das Verhältnis der Technik zum Wesen des Menschen im 21. Jahrhundert zu bestimmen sucht. Diese Analyse geschieht in einer klaren und gut nachvollziehbaren Weise. Zunächst räumt Galimberti mit dem scheinheiligen Märchen von der »neutralen Technik« auf, die der Mensch zum Guten oder Bösen einsetzen könne, denn Technik hat sich schon längst vom Objekt unserer Wahl zu unserem Lebensraum gewandelt, dem wir völlig ausgeliefert sind. Die funktionierende Technik hat den Menschen in eine neue und globale Welt gestellt, in der die Ideen und Begriffe des prätechnologischen Menschen ihre Gültigkeit verloren haben, da sie nicht mehr zu dieser Lebenswelt passen.

Mit der Wandlung der Technik vom Mittel zur Umwelt haben sich die bisherigen Leitbegriffe des Abendlandes gewandelt. Schonungslos beschreibt Galimberti diese neuen Begriffe und reißt überlebte Ansichten nieder. Eine seiner radikalen Feststellungen ist die, dass nicht mehr der Mensch das Subjekt der Geschichte ist, sondern die Technik, welche sich von ihrer Rolle als »Mittel« emanzipiert hat, und nun ihrerseits über Natur und Mensch zu herrschen beginnt. Diese Umkehrung dreht auch die bisherigen Begriffe von Vernunft, Wahrheit, Ideologie, Politik, Ethik, Natur, Religion und Geschichte um, was Galimberti im Detail aufzeigt.

Ja, auch der Begriff des Menschen selbst erfährt eine Wandlung. Im Universum der Apparate wird er zu einem Teil der Technik und es löst sich seine Identität in der bloßen Funktionalität auf. Er identifiziert sich als Subjekt mit dem Apparat und »findet keine andere Identität als die, die ihm vom Apparat zugeordnet wurde.« Die tatsächliche Identität ist verschwunden. Aus dieser Grundtatsache heraus werden auch die menschlichen Kategorien –  etwa Individuum, Identität, Freiheit, Kultur, Kommunikation oder Seele – neu gedacht und bestimmt.

Mit der Technik haben wir uns von der Natur und unserer Geschichte gelöst und eine völlig neue Epoche begonnen. Die Produktionsfähigkeit des Menschen hat mit dieser neuen Epoche »erstmals die Vorstellungsfähigkeit überstiegen«. Die Entwicklung der Technik, des Machbaren, verweist den Menschen in eine Unzulänglichkeit, die für ihn gefährlich ist. Der Mensch steht in größter Gefahr. Gibt es einen Ausweg? Galimberti sieht eigentlich keinen, nur einen schwachen Hoffnungsschimmer. Diesen sieht er in der matten Hoffnung auf psychische Erweiterung, die den Menschen zwar nicht von der Herrschaft der Technik befreit, ihn aber davor bewahrt, »daß die Technik ohne sein Mitwissen geschieht.«

Auch die weiteren Beiträge von Emanuel Severino, Salvatore Natoli, Franco Volpi und Francesco Marchiaro zeichnen sich durch ihre schonungslosen und radikalen Analysen der Gegenwartssituation aus – allesamt sehr lesenswerte Analysen! Illusionslose Beschreibungen, die die Frage nach dem Wesen des Menschen eindringlich stellen – und keinen wirklich gangbaren Weg aufzeigen, wie man sie neu beantworten könnte. Wäre nicht das Nachwort des Herausgebers Roland Benedikter – man bliebe als Leser und Mitdenker im Nichts zerschmettert zurück. Benedikter gelingt es, eine zumindest denkbare Perspektive aufzuzeigen. Genauso radikal wie alle anderen Beiträge – aber gangbar. Er arbeitet zunächst die den Beiträgen zu Grunde liegenden Motive heraus, um dann deren Gedankengänge mit einer zentralen Frage in einen neuen Raum hinein zu erweitern.

»Das Technische wurde einst aus dem Geist des Gattungswesens Mensch geboren. Nun geht dieses Gattungswesen Mensch in gewisser Weise durch das Wirken des Technischen unter. Es ist noch nicht sicher, aber es kann sein, dass das Menschliche nach dem Durchgang durch diesen Tod, nach seiner Freisetzung aus der sich verselbständigenden Technik als ein Höheres wiedergeboren wird – diesseits seiner typologischen Festlegungen, als rein individuelles.« Der Typus Mensch geht in der Gegenwart unter. Wird aus seinem Tod das Menschliche auf einer höheren Stufe wiedergeboren? Damit stellt sich die Frage nach dem Wesen des Menschen auf einer völlig neuen Ebene. Benedikter skizziert dieses neue Feld und zeigt auf, dass dort ein neuer – erlebbarer und empirisch erforschbarer – Individualitäts- und Geist-Begriff das Zentrum der Untersuchung bilden muss. Damit ist ein Weg aufgezeigt, wie die zentrale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts beantwortet werden kann: Die Frage nach dem Wesen des Menschen. Und mit »der Beantwortung der Frage nach dem Wesen des Menschen steht und fällt jede Antwort auf die Frage nach der Technik.«

Eines nur sei beanstandet: der Titel des Buches. Es hat nämlich keinen, sondern eigentlich nur einen Untertitel. Der Titel erweckt das Vorurteil, dass es sich bei diesem Buch nur um ein entlegenes Spezialgebiet der Philosophie handele, das auch nur Spezialisten beträfe. Aber nichts ist falscher als diese Annahme. Der Band enthält schwergewichtige Beiträge zu zentralen Menschheitsfragen des 21. Jahrhunderts, über die italienische Philosophen nachgedacht haben. Die Beiträge sind allgemein menschlich, sie gehen alle Menschen aller Völker an, und das sollte im Titel zum Ausdruck kommen. Denn es ist wichtig, dass in einer Zeit des Verfalls der gesellschaftlichen Urteilskraft solche Beiträge von möglichst vielen Menschen studiert und diskutiert werden. Daher wünsche ich dem Buch eine möglichst weite Verbreitung und bei der zweiten Auflage einen richtigen Titel.

                                               Edwin Hübner

 

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