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Die Drei 6 / 2002
Buchbesprechung
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Fieberglas
JONATHAN CARROL: Fieberglas. Eichborn Verlag, Frankfurt/M 2002, 375 Seiten, 19,90 EUR.
Miranda, die Hauptfigur des Romans entdeckt, dass eine Reihe von Frauenschicksalen, die sich in ihrer unmittelbaren Vergangenheit und im Umkreis ihres jetzigen Lebensfeldes zugetragen hatten, ihre eigenen waren, dass sie selbst alle diese Leben bis zum Tod hin durchschritten hatte: »Jede hat ein anderes Leben gelebt, aber innerlich waren sie dieselbe ... Person.« Mit der Entdeckung dieser Person, die sie selbst ist, geht eine andere einher. Auf diese erst kommt es eigentlich an: »Und das einzige, woran sie dachten, waren sie selbst. Sie waren allesamt total ichbezogen.« Der bis dahin eher oberflächlich erscheinende Roman erzählt von nun ab mit durchaus beeindruckenden Passagen die Geschichte der Überwindung dieser Ichbezogenheit, die Geschichte von der Geburt der selbstlosen aus der selbstharten Liebe. Dieser Geschichte hat der Autor das Kleid des phantastischen Romans gegeben; der Klappentext spricht vom »magischen Realismus«. Jonathan Carrol gilt als »Kultautor«. Wer diese Literaturgattung schätzt und keinen allzu hohen sprachlichen Anspruch mitbringt, wird sich mit dem entsprechenden Genuss durch imaginationsähnliche Bilder und Szenen führen lassen und dabei eine Reihe von Urbildern wie Liebe und Tod, Schicksal, Selbstsucht und Opfer gestaltet finden. Die Werbung weckt hingegen die Erwartung eines Reinkarnationsromans. Jonathan Carroll denkt sich eine Welt aus, in der es für die »Sterblichen« ein vorgezeichnetes Schicksal gibt, das nicht durch Freiheit, sondern durch den Egoismus weniger »Un-sterblicher« durchbrochen wird. In einer Reihe von Ausnahmemenschen begegnet dem Leser die unglückliche Unsterblichkeit, das Ahasver-Dasein. Was im ersten Augenblick als Reinkarnation verstanden werden könnte, entpuppt sich als die Erscheinungsform dieser »Unsterblichkeit«. Carrol verbindet es eng mit dem Motiv des Vampirdaseins. Indem Miranda sich ihrer Unsterblichkeit bewusst wird, muss sie zugleich erfahren, dass sie sich in ihrem Egoismus von der Lebenskraft der »Sterblichen« nährt, deren Schicksalslinie sie durchkreuzt. Diese erschreckende Einsicht bringt sie dazu, schließlich ihre gerade erst entdeckte Unsterblichkeit zu opfern. Ein ähnliches Motiv findet sich in Bulwer-Lyttons Roman »Zanoni«, einem Klassiker der phantastischen Literatur aus dem 19. Jahrhundert, auf den schon Steiner hingewiesen hatte. In »Zanoni« ist freilich das Dasein der durch ein Lebenselixier unsterblich und dadurch zugleich einsam gewordenen Menschheitsführer nur ganz subtil als unselig gezeichnet. Ein anderer Unterschied ist, dass sich in Bulwer-Lyttons »Phantastik« viel mehr spirituelle Wahrheit findet, während die Wahrheit von Carrols Roman »Fieberglas« sich auf die rein menschliche Erfahrung und Überwindung des Egoismus im Angesicht des Todes beschränkt. In dieser Hinsicht wird der Leser das Buch nach der Lektüre nicht unbereichert zuschlagen. Wer es hingegen vor allem in seiner Phantastik und magischen Spannung genießt, kann sich dabei aber auch in vieldeutigen Scheinwelten verirren, falls er damit unbewusst ein Bedürfnis nach echter spiritueller Erkenntnis zu befriedigen sucht. Damit wird deutlich, dass sich der Roman letztlich aus einem Selbstwiderspruch speist: Er will dem Leser die wirkliche Ich-Werdung durch das Sich-dem-Tod-aussetzen lehren, aber er fesselt ihn dabei durch die Phantastik der schlechten Unsterblichkeit. Die mittlerweile der Vergangenheit angehörende menschheitsgeschichtliche Notwendigkeit, die Wahrheit von Reinkarnation und Karma zu vergessen, vermischt sich ungut mit der heute angesagten entgegengesetzten Notwendigkeit, einen Sinn für jene Identität zu gewinnen, die dem Ich innewohnt, das durch die unterschiedlichen Person-Identitäten der verschiedenen Erdenleben hindurchgeht. Schließlich leidet das überraschende Ende noch unter Unverständlichkeit. Während es nach Immanuel Kant der Vorzug der ästhetischen Idee« ist, dass sie viel zu denken gibt, Buchbesprechungen ohne dabei selbst jemals vollständig auf den Begriff gebracht werden zu können, muss der Leser hier doch eher das Ungenügen einer literarischen Idee konstatieren, die dem Anspruch des Denkens nicht gerecht wird. Die Wendung am Schluss gibt insofern wenig zu denken, als sie sich dem Verstehen entzieht.
Jörg Ewertowski