Die Drei 12 / 2002

Buchbesprechung

 

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Luftlautformen

 Johanna F. Zinke: Luftlautformen sichtbar gemacht. Sprache als plastische Gestaltung der Luft. Herausgegeben von Rainer Patzlaff.

Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2001. 192 Seiten, 40 EUR.

 

Wer – wie der Verfasser dieser Zeilen – vor vielen Jahren das Glück hatte, Johanna Zinke bei einer Demonstration ihrer Forschungen zu den Luftlautformen zu erleben, der wird zunächst äußerst dankbar sein, dass die Arbeiten Zinkes jetzt einem größeren Menschenkreis durch ein durchaus repräsentatives Buch bekannt gemacht werden. Denn diese Pionierarbeit macht für das Sprechen des Menschen deutlich, dass jedes Wort der leichtbeweglichen Luft schnell wieder verschwindende Gestalten aufprägt, dass der Mensch aus dem inneren Sprachimpuls unsichtbar und bisher auch weitgehend unbemerkt die Luft formt. Jeder Laut erzeugt in der Luft eine bestimmte Strömungsform.

Ein Nebenergebnis, das in der Zukunft hoffentlich einmal gewürdigt wird: Der Lautsprecher bringt keine Luftlautformen hervor. Die Arbeiten von Johanna Zinke wurden – folgt man ihrer eigenen Darstellung – im Wesentlichen durch eine Aussage Rudolf Steiners im Lauteurythmiekurs vom 24. Juni 1924 initiiert. Da heißt es: »Alles dasjenige, was wir aussprechen, zeichnet in die Luft hinein eine gewisse Form, die man nur nicht sieht, die man aber durchaus als vorhanden voraussetzen muss, von der man sich sogar denken könnte, dass sie durch wissenschaftliche Mittel ohne die menschliche Zeichnung fixiert würden.«1 Johanna Zinke hat die in diesen Worten Rudolf Steiners liegende Anregung initiativ aufgegriffen, die unsichtbaren Luftlautformen, die eine Wirkung der Gesamtwesenheit des Menschen in dem Luftelement sind, sichtbar zu machen. Diese Forschung wurde ihr zur Lebensaufgabe, zum Lebensinhalt, sie identifizierte sich damit, was bei ihren Demonstrationen unmittelbar erlebbar wurde. Zunächst konnte ihr bescheidenes, unscheinbares Auftreten bei solchen Gelegenheiten den Eindruck erwecken, es mangele vielleicht an Kompetenz. Aber sogleich, wenn es um die Luftlautformen ging, war da das aus der Hingabe an die Sache kommende Feuer spürbar. Sie hatte sich die Sache vollkommen zu Eigen gemacht und konnte daher aus ihr sprechen. Vielleicht war dies nicht jedem zugleich sogleich verständlich, dass sie nicht über, sondern aus der Sache heraus sprach.

Die in das Buch aufgenommene Arbeit von Johanna Zinke »Die Ausprägung der Sprache in der Luft« gibt in schlichter Weise einen detaillierten Einblick in ihren Forschungsweg. Erst wenn man sich klar macht, welche Intensität, welche Ichhaftigkeit in dieser Arbeit zum Ausdruck kommt, wird der Blick frei für die Pionierin der Erforschung der Luftlautformen. Sie hat in dem Bewusstsein gedacht, gelebt, gehandelt, eigenständig und originell eine Aufgabe zu erfüllen, die ihr klar aus eigenem Entschluss zum Schicksal ihrer späteren Biografie wurde.

So ist es äußerst erfreulich, dass sich in dem Buch, das 11 Jahre nach ihrem Tod erschienen ist, Freunde um ihre Arbeit herumstellen, die diese durch ihre Beiträge erläutern, ergänzen, begleiten. So werden die eindrucksvollen Bildtafeln auf Grund von Notizen Zinkes von Sonja Schaeffer einfühlsam erläutert. Rainer Patzlaff als Herausgeber hebt in seinem Beitrag »Jeder Laut eine strömende Plastik« die pädagogische Bedeutung der sichtbar gemachten Luftlautformen hervor. Dem gesprochenen Wort wird durch jedes technische Medium die gestaltende Kraft genommen mit wahrhaft einschneidenden Folgen für die kindliche – und jede menschliche – Entwicklung. Peter Nantke führt in die physikalischen, technischen und methodischen Grundlagen der Luftlautformenforschung sachkundig ein. Ein besonderes Gewicht kommt dem Beitrag des Arztes Armin J. Husemann »Der Leib der Sprache. Die Luftlautformen als Urphänomene der Sprache und der Eurythmie« zu, insofern in diesem – erstmalig auch experimentell durch Versuche von Husemann selbst – der Nachweis geführt wird, dass das Sprechen eine unmittelbare gestaltende Rückwirkung auf das venöse Blut hat. Indem sich sozusagen ein Freundeskreis um die Forschungen J. Zinkes schließt, wird der Luftlautformenforschung das ihr zukommende Gewicht gegeben. Die Pionierleistung durch die Initiative J. Zinkes tritt klar hervor. Jede Pionierleistung öffnet ein Tor, durch das dann jedermann schreiten kann. Der interessierte Laie kann aus der Darstellung der Luftlautformen eine wesentlich erweiterte Erkenntnis der Sprache und des Sprechens erhalten; der Fachmann kann tiefere Blicke in die gestaltend wirkenden Kräfte des Ätherleibes werfen; den Forscher werden die vielen ungelösten Fragen zu weiteren Forschungen anregen können. Das Buch kann den Horizont jedes Lesers erweitern.    Peter Tradowsky