|
Buchbesprechung |
|
|
| Heft bestellen! | Startseite | |
Wider den ethischen
Pragmatismus
Robert Spaemann: Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001. 560 Seiten, 35 EUR.
Ein Arzt nimmt teil an der wissenschaftlichen Erprobung eines Medikaments und verabreicht der einen Hälfte seiner an einer bestimmten Krankheit leidenden Patienten das neue Mittel, während die andere Hälfte ein Plazebo erhält. Sehr bald vermutet der Arzt, dass das Medikament hoch wirksam ist, doch um für die Zukunft Gewissheit zu erlangen und die Testreihe erfolgreich und eindeutig zu beenden, müsste er weiterhin darauf verzichten, auch der zweiten Hälfte seiner Patienten das neue Mittel zu geben. Darf er das?
Zwei Ärzte hatten während der Nazizeit bei der staatlich angeordneten »Euthanasie« an Geisteskranken mitgewirkt. Sie gaben bestimmte Kranke für die Tötung frei, jedoch nur – wie sie später vor Gericht geltend machten –, um einen weitaus größeren Teil der Kranken vor der Ermordung zu bewahren, indem sie sie entließen oder in anderen Anstalten unterbrachten. Das gelang tatsächlich. Sie opferten also einige wenige, um viele retten zu können. Haben sie recht gehandelt?
Die Antwort des in diesem Jahr 75 gewordenen Philosophen Robert Spaemann ist eindeutig: nein. »Der gute Zweck heiligt nicht das schlechte Mittel.« Eine Ethik, die nur an die weitreichenden Konsequenzen eines Gesamtergebnisses denkt – der so genannte Konsequentialismus –, verfehlt das im eigentlichen Sinne Ethische. Dieses nämlich liege in der Verantwortung, die sich aus konkreten sittlichen Verhältnissen, wie z.B. dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, ergibt. Das zum einen. Zum anderen liegt Sittlichkeit für Spaemann in dem klassischen Gedanken des guten, gelingenden Lebens, der Freundschaft mit sich selbst, der Eudaimonia (Glückseligkeit), die seit Aristoteles nicht Ziel des Handelns ist, sondern ein sinnvoller Zustand des Menschseins. Ein solcher zeichnet sich nicht zuletzt durch das Tugenden- oder Charakter-Haben aus. Wir sprechen von einem Menschen mit Charakter, wenn es für ihn moralische Grenzen gibt. Diese können einer physischen Grenze ganz ähnlich sein: Wie es Taten gibt, die jemand nicht ausführen kann, weil er keine Hände dazu hat, so gibt es auch moralisch Unmögliches, für das man im übertragenen Sinn schlichtweg keine Hände haben darf, wenn man nicht zu allem fähig und damit mafios sein will. Dem ethischen Konsequentialisten könne dies jedoch passieren, so Spaemann, denn der muss immer bereit sein, zugunsten eines quantitativ größeren Zieles, seinen Nächsten preiszugeben, denn »der Konsequentialismus betrachtet die Sittlichkeit jeder Handlung als Funktion einer Optimierungsstrategie«. Das macht ihn erpressbar: »Ein Konsequentialist muss bereit sein, einen Mord zu begehen, wenn man ihm droht, ansonsten zehn Menschen umzubringen«. Sein Ziel mag das Glück der meisten sein, jedoch entspräche eine solche teleologische Ethik nur der Tendenz der modernen technischen Industriegesellschaft und den Prinzipien der Politik. Ethik verfehle aber die »sittliche Intuition«, wenn sie sich, statt der Technik und der Politik Ziel und Grenzen zu setzen, als Variante von Technik oder Politik versteht. Eben dies geschähe auch der katholischen Kirche, wenn sie aus dem ethischen Pragmatismus die größt mögliche Zahl von Menschenleben zu retten, in der Schwangerschaftsberatung verbliebe und den Abtreibungsschein ausstellte. Das erste Interesse der Kirche müsse das Seelenheil der betroffenen Frauen sein, nicht das Lebensrecht der Ungeborenen, das der Staat zu schützen hat. »Indem er diesen Schutz an die Kirche delegiert, werden beide korrumpiert. In der kirchlichen Beratung kann es gar nicht in erster Linie um die Kinder, es muss um die Frauen gehen. Vorzeitiges Sterben gibt es sub specie aeternitatis sowieso nicht. Wohl aber gibt es den spirituellen Selbstmord durch Töten«. Diese Position ist so klar wie rigoros. Sie ist im Metaphysischen fundiert und als solche unanfechtbar. Als entschiedene Absage an jede Form von Nützlichkeitsdenken und Werteliberalismus zieht sie sich durch eine große Palette von lebenspraktischen Beispielen. Spaemanns Argumentation ist immer denkerisch souverän und stark. Freilich fühlt man sich von dieser Stärke manchmal auch überrollt, zumal wenn sie die Tendenz zum allzu Scharfsinnigen hat wie in der, von Kant entlehnten, Kritik am Selbstmord, der ja der Versuch sei, sich vom Leiden zu befreien und immer befreites Leben zum Ziel habe, bei dem es aber schließlich kein Subjekt der Befreiung und damit keinen frei und sittlich Handelnden mehr gäbe, weil sich dieser ja vernichtet habe.
Doch die Lektüre dieses Bandes ausgewählter Texte zur ethischen Dimension des Handelns ist uneingeschränkt spannend. Denn hier wird Philosophie in einer Weise konkret, die man sonst lange suchen muss. Es geht um existentielle Fragen der Lebensführung, zu denen die Themen Abtreibung, Euthanasie, Gentechnik, Embryonenforschung ebenso gehören wie die Atombombe, die Friedensdiskussion, der verkaufsfreie Sonntag, die Emanzipation, die Menschenwürde, die Pädagogik und vieles mehr. Der Band versammelt 46 Texte, die auch einen Überblick über die Ethikdiskussion der letzten 40 Jahre geben. Der erste Teil widmet sich den »Grundfragen« und ist mehr philosophisch grundsätzlicher Natur, der zweite greift die »Themen der Zeit« auf und enthält viele zuvor in Tages- oder Wochenzeitungen abgedruckte Beiträge. Hier finden sich auch die Auseinandersetzungen mit den ethischen Positionen bekannter Zeitgenossen wie Böll, Küng, Singer, Sloterdijk und anderen. Wie streitbar Spaemanns Position im Einzelnen auch sein mag, sie folgt stets der von Kant präzisierten Maxime, dass die Dinge einen Wert und damit einen Preis haben. Der Mensch hingegen hat keinen Wert, sondern eine Würde. Er ist das Subjekt jeder Wertung, aber nicht ihr Gegenstand. Ruth Ewertowski