Die Drei 11 / 2002

Buchbesprechung

 

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Anthropologie der Sinneserfahrung

Thomas Kracht, Martin Basfeld, Henning Kriebel (Hg.): Subjekt und Wahrnehmung. Beiträge zu einer Anthropologie der Sinneserfahrung. Schwabe Verlag, Basel 2002. 164 Seiten, 26 EUR.

 

Das Verhältnis der modernen Naturwissenschaft zur Sinneserfahrung ist zwiespältig. Einerseits stützt sie sich methodisch auf die Faktizität der Sinneserfahrung und führt diese gegen metaphysische Konstruktionen aller Art ins Feld. Andererseits haben Neurologie und Sinnesphysiologie bereits im 19. Jahrhundert die Objektivität der Sinneserfahrung in Frage gestellt. Im 20. Jahrhundert haben die goetheanistische Naturwissenschaft und die phänomenologische Philosophie dieses Gebiet neu beleuchten können, indem sie den Blick nicht auf die physiologischen Daten, sondern vor allem auf das Erleben, auf die spezifische Verbundenheit von Ich und Welt in der Sinneserfahrung gerichtet haben. Durch die Ausbildung bestimmter »blicklenkender« Methoden des »phänomenologischen Sehens«,  sind erste Ansätze zu einer Anthropologie der Sinneserfahrung entwickelt worden. Auf diese Weise scheint ein »ursprünglicherer« Zugang zur Erfahrungswelt möglich, der geeignet ist, die Aporien des naturwissenschaftlichen Verhältnisses zur Sinneserfahrung zu klären. Das vorliegende Buch enthält Beiträge von Forschern auf diesem Gebiet, die auf zwei Kolloquien, die 1996 und 1998 am Friedrich von Hardenberg Institut in Heidelberg stattfanden, zurückgehen.

Bernhard Rang zeigt anhand einer Untersuchung des Gegebenseins von Körperfarben unter wechselnden Beleuchtungszuständen, dass Eigenschaften von Dingen in ihrem Wesen erst dadurch voll verständlich werden, wenn man die Art ihrer »Selbstgebung«, d.h. die Denk- und Wahrnehmungsweise, in Form derer uns die Gegenstände erscheinen, mitreflektiert. Ein Aspekt dabei ist die Untersuchung der bereits von Goethe beschriebenen farbigen Schatten: »Wird ein von einer farbigen Lichtquelle geworfener Schatten durch eine farblose Lichtquelle aufgehellt, erscheint der so entstandene Halbschatten in der Komplementärfarbe des farbigen Lichts. Voraussetzung ist jedoch, dass die farbige Umgebung mitgesehen wird. Blickt man isoliert, zum Beispiel durch eine schwarze Röhre, auf den Halbschatten, sieht man nur ein mehr oder weniger helles Grau.« Ist diese Farbigkeit des Schattens objektiv gegeben, oder handelt es sich nur um einen subjektiven Schein?  Bernard Rangs Ausführungen legen nahe (wie auch alle anderen in dem Buch enthaltenen Beiträge), dass diese Frage in ihrem Entweder–Oder falsch gestellt ist. Er macht in seinen Untersuchungen deutlich, dass bestimmte Erscheinungsweisen der Körperfarben in Licht und Schatten weder subjektiv noch objektiv sind, sondern einem eigenen Existenzbereich »zwischen der Region des Subjektiven und der des Objektiven« angehören.

In seinem zweiten Beitrag rekonstruiert Rang Max Schelers Analysen zur Wahrnehmung des fremden Ich. Ähnlich wie Rudolf Steiner in seinen Ausführungen über den Ich-Sinn des Menschen zeigt Scheler, dass uns nicht nur das eigene Ich, sondern auch das Ich und die »inneren« Erlebnisse anderer Menschen unmittelbar gegeben sein können und nicht mit Hilfe von Analogieschlüssen aus deren äußerem Verhalten abgeleitet werden müssen. Scheler zufolge zeigen »sehr einfache phänomenologische Betrachtungen …, dass wir im Lächeln die Freude, in den Tränen das Leid und den Schmerz des anderen, in seinem Erröten seine Scham …, in seiner drohenden Faust sein Drohen, in seinen Wortlauten die Bedeutung dessen, was er meint usw. direkt zu haben vermeinen.« Scheler betont: »Wer mir sagt, das sei aber keine ›Wahrnehmung‹, da es keine sein ›könne‹, es könne aber keine sein, da eine Wahrnehmung nur ein ›Komplex sinnlicher Empfindungen‹ sei und es sicher für Fremdpsychisches keine Empfindung gäbe – und erst recht keine Reize – den bitte ich, sich von so fragwürdigen Theorien doch zum phänomenologischen Tatbestand zurückzulenken.« Auch hier zeigt sich, wie das Achten auf die »Selbstgebung« der Phänomene in der Sinneserfahrung geeignet ist, vorgefertigte Meinungen und Urteile über die Art, wie Subjekt und Objekt zu sondern sind, in überraschender Weise in Frage zu stellen. 

Gernot Böhme konzentriert sich in seinen beiden Beiträgen zur Wahrnehmung von Atmosphären vor allem auf solche Sinneserfahrungen, bei denen die eigene Befindlichkeit mehr oder weniger ausdrücklich miterlebt wird. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn ich einen Baum nicht nur sehe, sondern seine Mächtigkeit und Höhe spüre. Solche Erfahrungen, an denen gleichzeitig mehrer Sinne mitwirken und in denen die eigene Betroffenheit miterlebt wird, sind für Böhme eine grundlegendere und umfassendere Wahrnehmungsweise. Er spricht hier von dem »Spüren von Anwesenheit« bzw. dem Spüren von Atmosphären. Er vermutet, »dass das atmosphärische Spüren von Anwesenheit das grundlegende Phänomen von Wahrnehmung ist. Wahrnehmung ist qua Spüren eine Erfahrung davon, dass ich selbst da bin und wie ich mich, wo ich bin, befinde. Aus diesem Spüren können sich schrittweise spezifische Sinneswahrnehmungen und schließlich ein Ichpol und ein Wahrnehmungsobjekt ausdifferenzieren.«

Böhme meint in dem Spüren von Anwesenheit ein »grundlegendes Wahrnehmungsereignis« gefunden zu haben, das vor jeder Subjekt-Objekt-Spaltung liegt. Ähnlich wie bei den farbigen Schatten deutet Böhme die Atmosphären als einen Seinsbereich, der Subjekt und Objekt gemeinsam zukommt. Von hier aus kritisiert er die Substanzontologie des Aristoteles, für die das eigentlich Seiende die Substanzen selbst sind, während die Beziehungen (Relationen) keine unabhängige Existenz besitzen, sondern nur als Bestimmungen der Substanzen wirklich sind. Böhme dagegen möchte derartigen »Zwischenphänomenen« eine unabhängige Seinsweise zuschreiben.

Ernst-Michael Kranich befasst sich im ersten seiner Beiträge mit der personalen Wahrnehmung des anderen Menschen durch die von Rudolf Steiner beschriebenen höheren Sinne: den Wortsinn, den Gedankensinn und den Ichsinn und knüpft thematisch an den Beitrag von Bernhard Rang über Max Scheler an. Sein zweiter Beitrag entwirft Perspektiven für eine Hermeneutik der Natur und enthält richtungweisende methodisch-didaktische Hinweise für ein Überwinden der strikten Grenzziehung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Im Grunde begegnet Kranich den Naturgegenständen so, als wären sie Subjekte wie der Mensch. Was uns am Menschen durch die höheren Sinne direkt gegeben ist, das erarbeitet sich Kranich an der Gestalt von Mineralien und Pflanzen durch ein mitgestaltend tätiges Denken. Anhand des Bergkristalls und am Beispiel der Doldengewächse verdeutlicht Kranich die »Übungs- und Lernprozesse«, die eine solche aktive innere Verbindung mit den Gegenständen der Erfahrung möglich machen.

Welche sinnliche Erfahrungsgrundlage hat eigentlich das Lesen von Texten? Was genau ist bei Texten das »Gegebene« und worin besteht der Anteil des Lesers beim Auffassen desselben? Thomas Kracht zeigt, dass der innere Zusammenhang des Textes selbst und die Vorstellungswelt des Lesers aufeinander angewiesen sind, um zu erscheinen. Beide müssen in ein bewegliches Wechselspiel treten: »Ohne Vorstellungsbildung erscheint kein ›Gegebenes‹, aber das Vorstellen findet seine Bestätigung oder den Anstoß zur Umbildung in den Worten, Sätzen und größeren Zusammenhängen im Text.«

Besondere Aufmerksamkeit widmet Kracht dem Verhältnis von Denken und Sprache im Text. Während wir die Sprache beim Lesen normalerweise nur auf ihre Bedeutung hin erfassen, d.h. den »Sprachleib« sofort transzendieren, gibt es auch ein Lesen »in der Sprache«, das durch den Nachvollzug von Wortgesten, rhythmischen Sprachbewegungen und Strukturmerkmalen der Textsprache zusätzliche inhaltliche Perspektiven gewinnt. Wir betreten hier das Gebiet einer neu zu erarbeitenden »Lesekunst«, vergleichbar mit der mittelalterlichen Schriftsinnlehre. Kracht macht deutlich, dass in der Ausübung solcher Lesekunst nicht allein der Text, sondern vor allem auch der Leser selbst in neuem Lichte erscheinen kann.                           Ralf Gleide