Die Drei 10 / 2002

Buchbesprechung

 

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Natur im Gebauten

Werner Blaser: Natur im Gebauten. Rudolf Steiner in Dornach. Birkhäuser-Verlag für Architektur, Basel 2002. Mit einem Essay von Walter Kugler. 128 Seiten, 30 EUR. 

                      

»Es bleibt zu hoffen«, schreibt der Architekturpublizist und Schüler Mies van der Rohes, Werner Blaser, am Ende der vorliegenden Arbeit über Rudolf Steiners architektonisches Schaffen, »dass der Meister mit seinem architektonischen Oeuvre endgültig seinen Platz im Kreise der Pioniere der Moderne zugewiesen bekommt.« Diese Forderung ist überaus angemessen, haben sich doch avantgardistische Architekten wie beispielsweise F.L. Wright schon immer mit Steiners Architekturimpuls beschäftigt und diesen, wie im Fall des Amerikaners Gehry, als eine ihrer Inspirationsquellen angeben. Zumeist ist dies jedoch nur Spezialisten bekannt. Nach der Lektüre des sowohl in deutsch als auch in englisch verfassten Werkes  wird klar ersichtlich, welche Potentiale Steiners Blick auf Architektur auch heute noch birgt.

Werner Blaser, das sei vorweggenommen, hat als Autor dieses vorzüglichen Buches seine Forderung nach einer Würdigung der Architektur Rudolf Steiners eindrucksvoll eingelöst. Die sehr behutsame, jedoch dabei immer glasklare Annäherung des Autors und ehemaligen Schreiners an das »erlesene Häuser-Ensemble am Jurahügel in Dornach« weist dem Leser Wege, auf denen er sich den »Impuls von Dornach« selbst erarbeiten kann.

Werner Blasers sensiblen Kommentare zu den einzelnen Bauwerken, die in großzügigen Abbildungen vorgestellt werden, haben es in sich. Sich auf das Wesentliche beschränkend, zwingen sie aufgrund ihrer Dichte zum mehrmaligen Lesen. So heißt es beispielsweise zu Beginn des Buches im ersten Abschnitt einleitend: »Architektur mit der Natur ist eine Entscheidung für das Prozesshafte«. Ein Satz, der – sorgfältig durchdacht – den Blick auf aktuelle Architekturen frei macht – und dabei eine ganze Menge Fragen aufwirft.

Denn was bedeutet dies im Hinblick auf die Gestalt eines Bauwerkes, das ja als ein im Raum Existierendes von seinen Betrachtern wahrgenommen wird (und nicht wie eine Pflanze fortwährend entsteht bzw. vergeht)? Von dem Architekten Daniel Libeskind wird der Ausspruch überliefert, dass er ein Gebäude grundsätzlich für die Dauer von drei bis vier Generationen (etwa 150 Jahre) konzipiere. Steiner, so schreibt Werner Blaser, intendierte mit seiner Architektur noch ein Weiteres: »Das Bauen war für ihn ein Ordnen im Sinne der Aufgabe und angesichts des Geistes am jeweiligen Ort.« Liegt hier, also in den essentiell ortsspezifischen Charakteristika von Architektur, ein Ansatzpunkt für das Verständnis unseres Missfallens angesichts etlicher heutiger Stahl-Glas-Architekturen in europäischen Großstädten, die – austauschbar geworden – überall platziert sein könnten? Werner Blasers Überlegungen, die durch einen Essay von Walter Kugler ergänzt werden, scheinen in diese Richtung zu weisen, etwa wenn er formuliert, dass Steiners »Bauten in ihrer menschlichen Wärme wegweisend« seien. Schade nur, dass in dem vorliegenden Werk mit F. L. Wright, Aero Saarinen und Frank O. Gehry lediglich drei Baumeister Erwähnung finden, die Steiners architektonischen Ansätze aufgegriffen haben. Denn von Werner Glasers Darstellung ausgehend, möchte man als Leser unweigerlich mehr zum Thema der »Natur im Gebauten« wissen.

Verlag und Autor haben mit »Natur im Gebauten. Rudolf Steiner in Dornach« ein wunderbares Buch verwirklicht, das, über das Vorgestellte weit hinausgehend, sehr neugierig macht und auch Skeptiker, zu denen sich der Rezensent rechnen muss, für Rudolf Steiners Architekturimpuls zu begeistern in der Lage ist.                                      Matthias Mochner