Die Drei 10 / 2002

Buchbesprechung

 

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Endlichkeit des Lichts

Susanne Riedel: Die Endlichkeit des Lichts, Roman. Berlin Verlag, Berlin 2001. 319 Seiten, 19,90 EUR.

Das Fernsehen lebt von schrillen Menschen, die sich durch aufsehenerregende Taten, ein imponierendes Äußeres oder durch Tabubrüche auszeichnen. So ist etwa die »Harald-Schmidt-Show« dadurch erfolgreich, dass sie sich über alles lustig macht – einschließlich sich selbst. In Quizsendungen gilt es, auf einem selbstgewählten Gebiet auf alles eine Antwort zu wissen. Inzwischen schafft man es sogar als Kenner der anthroposophischen Geisteswissenschaft ins Fernsehen. Auf dem Esoterik-Markt ist die Konkurrenz schließlich groß. Zwei Welten werden miteinander verknotet und kompatibel gemacht. Wann wird man bei Thomas Gottschalks »Wetten, dass …?« die Namen der Toten des 11.September auswendig aufsagen? Da die Strategien der Programmmacher unter Originalitätsdruck stehen und pro Sendung mindestens ein Tabu gebrochen werden muss, um gegen die Konkurrenz zu bestehen, gebietet das Fernsehen zuweilen auch Typen Einlass, die das Spiel noch besser beherrschen als es selbst. Ein solcher ist Alakar Macody, einer der Protagonisten in Susanne Riedels  Roman »Die Endlichkeit des Lichts«. Er tritt in Verna Albrechts Quiz »Brainonia« auf und bringt dort alles durcheinander: Er schlägt das Medium mit seinen eigenen Waffen. Gottschalk, Deutschlands berühmtester Showmaster, wurde einmal von einem Redakteur der Satire-Zeitschrift »Titanic« vor laufender Kamera hinters Licht geführt. »Täuschung war überall«, heißt es bei Susanne Riedel.

»… Alakar, die Leute lieben Sie!« »Die Leute kennen mich doch gar nicht.« Mit tiefer Stimme sagte Verna: »So funktioniert jedenfalls Fernsehen, das müssten Sie doch wissen.« Bei ihr zu Hause war Fernsehen verboten gewesen, ihre Mutter hatte statt dessen ständig Kastanienmännchen und schicke kleine Puppenwagen aus Klorollen mit ihr basteln wollen. »Ich bin in einen Waldorf-Kindergarten gegangen«, sagte sie übergangslos. »Ach du Schreck«, sagte Alakar. »Aber ich bin durchaus in der Lage, Notwendigkeit von Notwendigkeit zu unterscheiden. Die Welt braucht das alles: Massenmedien und Natur. Und beides hat am Ende seinen Sinn, oder? … Es erscheint mir in diesem Fall sogar möglich, die beiden Enden der Welt miteinander zu verknoten!«

»Die Endlichkeit des Lichts«, der zweite Roman der 42-jährigen Susanne Riedel (nach »Kains Töchter«, erschienen 2000 im Berlin Verlag), besitzt Rhythmus und schwebt doch zugleich dahin. So entsteht eine Anmutung, die erstaunlich ist. Der Roman erzählt die Liebesgeschichte zweier leicht eigenbrötlerischer Menschen. Alakar Macody kennt sich mit Pilzen aus, schreibt Gedichte und kennt »The Waste Land« von T.S. Eliot auswendig. Verna Albrecht ist Fernsehmoderatorin, spricht mit der toten Anne Sexton und lernt Alakar im Rahmen ihrer Quiz-Sendung »Brainonia« kennen, in welcher er sie zu Tränen provoziert. Sie verliert ihren Job, während er, der knorrige Eremit, Gefallen daran findet, eine TV-Karriere als Lyrik-Spaßvogel zu starten. Es beginnt eine Romanze der mehrfach gebrochenen Ebenen, ein literarischer Rettungsversuch des Erhabenen im Banalen, eine Geschichte über die Intimität der Worte. Über Worte finden Verna und Alakar zueinander. Mit Worten umkreisen sie sich, ohne sich zu kriegen. Er hat ein Holzbein und eine Geliebte, die ihm nicht gefällt, sie schlägt sich mit einem Langweiler vom Fernsehen herum. Beide beschäftigen sich gelegentlich mit astrophysikalischen Problemen wie der Endlichkeit des Lichts. »Wenn ich glaube«, sagt Alakar, »dann nur an das, was größer ist als ich selbst. Ich glaube an Gedichte«.

Vernas Therapeutin scheint auf alles eine Antwort zu wissen, doch das ungleiche Paar ringt nach Poesie wie nach Luft. »Ich bin keine Antwort, ich bin eine Dichterin«, postuliert Verna. Wie besessen reden sie über Pilzsorten. Wenn sie nicht mehr weiter wissen, rezitieren sie Verse. Am Schluss scheint ihnen die Unmöglichkeit ihrer Liebe gerade deren Authentizität zu bezeugen. Alakar und Verna, zwei Romantiker im unmissverständlichsten Sinne des Wortes, passen deshalb nicht zusammen, weil sie füreinander geschaffen sind.

Das alles wird liebevoll ironisch und zugleich herrlich ernst erzählt. Die heute in Berlin lebende Autorin entlarvt und kritisiert nicht – sie beschreibt und erfindet. Anstatt sich am Klischee der bösen Massenmedien abzuarbeiten, versucht sie wie ihre Heldin Verna, »die beiden Enden der Welt« – Technik und Natur, Intellekt und Sinnlichkeit – miteinander kompatibel zu machen. Sie entzieht sich den gängigen Mechanismen ihres Metiers – die in Unna geborene Susanne Riedel war lange als Rundfunkjournalistin tätig – durch ein romantisches Konzept. Das macht den Roman unterhaltsam und anregend: Reflexionen über Literatur wechseln sich ab mit lyrischen Passagen, in denen Küsse »nach Pfefferminz und Eisen, glattem Pyrit, den man auf Elba fand«, schmecken. Das geschieht mitunter sprunghaft: Namen und Protagonisten können nicht immer sofort zugeordnet werden, und an welchem Punkt sich die Handlung gerade befindet, muss – oder besser: darf man – selber erkunden. Und doch ist die Lektüre nie anstrengend, wuchert die Geschichte organisch. Riedel lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass der Leser einen eigenen Kosmos betritt. Die Erzählerin unterwandert gleichsam ihr eigenes Geschäft und kommt bei dessen Wurzeln an: vom »Operationsbesteck des Schicksals« zu berichten. Das Staunenswerte der Dinge und Personen kommt selber zu Wort. »Regen bedeutet Regen«, sagt Verna einmal. »Und Zimmer bedeutet Zimmer.« Die Unbekümmertheit und Fülle der poetischen Bilder und die Liebe zum Detail ergeben einen unverwechselbaren Ton, der immer souverän, nie aufdringlich klingt.

»Das blieb die Unterscheidung zwischen der Natur und den Menschen: Wind und Wassser lebten ihre Möglichkeit. Nie warteten sie darauf, sie zu erproben. Wenn es da draußen auch Weise gegeben haben mochte, die wie Bäume gewesen waren. Leider waren sie alle tot. Eliot vielleicht, Isaac Newton oder Ole Christensen Romer unter seinen Jupitermonden. Der Mann, der die unbewiesene Endlichkeit des Lichts in seinem Blut gespürt hatte.« Die sprachliche Qualität von Susanne Riedels Roman hebt sich deutlich ab von manch anderer zeitgenössischen Prosa, die nur glänzt, aber nicht leuchtet. »Die Endlichkeit des Lichts« entwirft ein eigenes, mehrfach gespiegeltes Universum aus Sprache, eine moderne Märchenwelt. Susanne Riedel führt uns diese Welt als zersplitterte vor, aber mit der Absichtslosigkeit der Kunst. Man könnte auch Liebe zu den Dingen dazu sagen.

Der Roman endet mit einer Beschwörung: mit dem Anfang. »Ich erzähle dir eine Geschichte. Sie fängt mit dir an, mit dir, weil du gerade da bist…Es war ein summendes Haus, ein brausendes Haus, ein Haus aus Tönen, wie ein unmäßig tosendes Wort, dessen Nachbild auf dem Fluss zitterte und am Himmel zerstob. Ein seltsames Wort. … Das noch niemand für eine Geschichte erfunden hatte. Ein einziges Wort. Für das ganze, splitternde Leben.«                                 Andreas Laudert